True, but rejected: Wir haben ein Rassismus-Problem.

Die These steht im Raum: Wir haben in Deutschland ein Rassismus-Problem. Die These ist umstritten, dabei wäre es doch so einfach. Ein Blick in die Statistik-Trickkiste hilft. Mir zumindest.

Nach Mesut Özils beachtlichem Rück-Tritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft, entbrannte eine heftige Diskussion. Leider ging es bei dieser Diskussion nicht um die konkreten, von Özil vorgebrachten Vorwürfe der „rassistischen Tendenzen“ in DFB, bei Sponsoren, Medien und in der deutschen Gesellschaft, sondern darum, ob dieser Vorwurf überhaupt gerechtfertigt sei.

Statt Vorwürfe ernst zu nehmen, gibt es Abwehrreaktionen

Diese Auseinandersetzung findet gerade ihre Fortsetzung im Hashtag #metwo auf Twitter, unter dem Betroffene ihre Erfahrungen mit Rassismus schildern.

Anstatt die vorgebrachten Fallbeispiele ernst zu nehmen, gibt es Abwehrreaktionen, ähnlich wie im Fall Özil.

„Sind ja nicht alle Deutschen so.“

„Kommunikation ist komplex.“

Um ein paar zu nennen. Viele Antworten sind so abscheulich, dass man sie nicht widergeben mag. Das muss man nicht beachten, aber grundsätzlich trifft der Gedanke, dass Deutschland ein Problem habe auf starke Ablehnung. Trotz der vielen bewegenden Fallbeispiele.

Die Diskussion ist müßig und muss besonders für die Betroffenen anstrengend sein, da das Erlebte in Frage oder Abrede gestellt wird.

Eigentlich ganz einfach

Schaue ich mir das Konzept des Type-1/Type-2 errors aus der Statistik an, komme ich zu dem Schluss, dass wir eine breite Debatte über Rassismus in Deutschland führen müssen. Warum?

Für nicht Statistiker: das Konzept behandelt die Konsequenzen auf die Wahrheit einer Hypothese und das dazu gefällte Urteil:

Beispiel gefällig? OK.

Im Beispiel stellen wir uns einen Menschen vor, der auf eine tödliche Krankheit getestet wird. Also ist unsere Hypothese: Der Test ist negativ und Patient*in ist gesund.

Ein Type 1 error wäre also ein falscher Alarm – Patient*in ist gesund und bekommt die vernichtende Diagnose, 1 habe die tödliche Krankheit.

Ein Type 2 error wäre das Szenario: Patient*in ist todkrank, aber die Diagnose lautet fälschlicherweise gesund.

Beides hat so seine Auswirkungen.

Hypothese: Wir haben ein Rassismus-Problem!

Jetzt gleiches Spiel für unser Rassismus-Problem bzw. das vermeintliche…

Die Hypothese lautet:

Wir haben kein Rassismus-Problem.

Type 1 error:

falscher Alarm, wir haben kein generelles Rassismus-Problem, aber führen eine Debatte darüber, was wir gegen tiun können, ergreifen Maßnahmen gegen Rassismus, führende Vertreter*innen der Gesellschaft sprechen sich dagegen aus usw.

Type 2 error:

Wir haben ein echtes Problem, aber verdrängen und bekämpfen die Idee, dass es in Deutschland generellen Rassismus gibt (die aktuelle Debatte), die Betroffenen fühlen sich nicht ernst genommen und vor allem ausgegrenzt, weil ihre Erlebnisse nicht zählen. Tausendfach.

So. Und ich finde, dass wir lieber die „Gefahr“ des ersten Szenarios riskieren sollten und konsequent gegen einen flächendeckenden Rassismus vorgehen auch auf die Gefahr hin, dass wir Windmühlen bekämpfen. Denn es hätte eigentlich keinen Nachteil. Wohingegen das negieren des Problem bei tatsächlicher Existenz, ein inakzeptables Problem darstellt. Es kann nicht sein, dass Menschen rassistische Übergriffe erleben müssen. Das zu ignorieren oder schönzureden widerspricht unserem Sinn für gerechtigkeit. Meiner Meinung nach.

Also lasst uns nicht diskutieren, ob es den generellen Rassismus gibt, sondern unsere Sinne dafür schärfen. Wir sollten uns stärken und bilden darin, wie wir es als Gesellschaft schaffen, dass niemand mehr Veranlassung hat, ein #metwo-Tweet zu schreiben. Wir sollten es schaffen ausreichend Safe Space zu gewährleisten und jeden Bericht über rassistische Erlebnisse ernst nehmen.

Weil’s uns in jedem Fall etwas bringt!

In redigierter Fassung ist mein Text auch bei Die Freiheitsliebe erschienen.

andreas

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