“Haben Sie etwas Geld für die Obdachlosenzeitung? Ich verkaufe die Obsachlosenzeitung.” Schon auf dem Weg zum Bahnhof hatte ich mich vor dem Moment gegruselt. Wer mich kennt, weiß dass ich immer etwas gebe. Auch wenn ixh mir das manchmal vielleicht sparen sollte. Heute bin ich bargeldlos unterwegs.
Ich kenne das Gefühl, auch wenn ich versuche, es zu vermeiden. Es ist ein furchtbarer langandauernder Moment:
Zuerst höre ich den Menschen in Not und die gehässige Ignoranz, die ihm entgegen schlägt. Dann sehe ich ihn. Da habe ich schon meine Taschen nochmalig kontrolliert, ob nicht irgendwo noch ein Euro ist. Kupfer gebe ich ungern, biete ich aber in solchen Momenten ehrlicher Weise auch an. Manchem hilft das.
Dann entschuldige ich mich. Ich schäme mich, hier mit mobilem Telefon, sauberer Kleidung und frisiert im Zug zu sitzen und die Frechheit zu besitzen nichts geben zu können.
Das bittere ist, wäre ich direkt harsch und unfreundlich, wäre der arme Mensch schon weg. Aber man sieht mir mein schlechtes Gewissen an. Vielleicht ist da doch etwas zu holen. Es bricht mir das Herz. Noch einmal entschuldige ich mich heute. Dann schaue ich beschämt nach unten.
Meistens gelingt es mir das nicht zu tun, manchmal suche und finde ich ein Gespräch.
Für die meisten ist die Nichtbeachtung, das “Luft sein” das schlimmste. Außer mir nimmt ihn heute in der ganzen Bahn niemand wahr.
Heute morgen mache ich dem gehetzten Postboten die Tür auf und grüße ihn. Noch nichtmal 30 Sekunden ist er in unserem Hausflur.
Bevor der Zug abfährt und sogar bevor der Obdachlosenzeitungsverkäufer mich anspricht läuft ein Bahnangestellter in einem mörderischen Tempo durch die S6 und leert die Abfalleimer flüchtig. Dort wo Menschen sitzen verzichtet er darauf.
Irgendetwas stimmt hier nicht.

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